Alte «Tanten» modernisieren das Frauenbild
In Schweden hat der «Tantparkour» (Tantenparcours) den öffentlichen Raum erobert. Ältere Frauen klettern gemeinsam über Bänke, rutschen auf Rutschen und kriechen unter Geländern durch.
«Wir lachen und finden neue Freundinnen»
Initiantin ist die 61-jährige Musiklehrerin Maria Ringsén aus der südschwedischen Stadt Borås. Sie war schockiert, als sie bei einer Wanderung nicht über einen kleinen Bach springen konnte. Sie habe dies schlicht verlernt. Darauf motivierte sie andere Frauen, sich gemeinsam im öffentlichen Raum zu bewegen. Die Frauen informierten auf Instagram über den «Tantenparcours» und fanden bald Nachahmerinnen in anderen Städten.
Hannele Sjö ist Mitglied der «Tantenparcours»-Gruppe in der Stadt Strängnäs: «Schon nach ein paar Mal merkt man den Unterschied, das Gleichgewicht wird besser und der Körper fühlt sich sicherer an. Ein gutes Gleichgewicht ist wichtig, damit wir so lange wie möglich zu Hause und draussen zurechtkommen.» Am besten gefällt ihr die Gemeinschaft. «Wir lachen, unterstützen uns gegenseitig und finden jede Woche neue Freundinnen», sagt Hannele Sjö.
«Tantenparcours» macht Schluss mit Vorurteilen
Laut einem Forschungsteam der Mittuniversitet (Mid Sweden University) bricht der «Tantenparcours» mit gesellschaftlichen Vorurteilen über ältere Frauen und stärkt deren Selbstbewusstsein. Beim «Tantenparcours» gehe es nicht um Leistung, sondern darum, den Körper auf neue Weise zu nutzen und Bewegungen wie Springen, Krabbeln oder Balancieren spielerisch auszuprobieren. Ziel sei es, sich draussen selbstbewusst zu bewegen. «Die Frauen entdecken ihre Fähigkeiten und ihr Recht, Parks, Plätze, Spielplätze und Naturräume zu nutzen. Das ist eine Möglichkeit, diskriminierende Vorstellungen von älteren Körpern als passiv oder unsichtbar zu durchbrechen», sagt Kristin Godtman Kling von der Mittuniversitet.
«Form des Alltagsfeminismus»
Laut der Kulturgeografin ist der «Tantenparcours» eine Form des Alltagsfeminismus. «Wenn ältere Frauen auf Spielgeräte klettern oder unter Geländern hindurchkriechen, stellen sie sowohl Geschlechter- als auch Altersnormen in Frage. Indem sie in den Social Media sichtbar sind, inspirieren sie mehr Menschen dazu, neu über das Älterwerden und körperliche Aktivität nachzudenken.»
Die Studie über den «Tantenparcours» ist Teil eines dreijährigen Forschungsprojekts der Mittuniversitet, das den Zusammenhang zwischen Gesundheit, Naturerlebnis und Barrierefreiheit für ältere Menschen untersucht. Ziel ist es, besser zu verstehen, was ältere Menschen von alltäglichen Aktivitäten im Freien abhalten kann.

