Collien Fernandes im Interview mit den ARD-«Tagesthemen». Sie wirft dem Entertainer Christian Ulmen digitale Gewalt vor. © ard

Aus frauenverachtender Satire wurde Ernst

fs /  Grenzüberschreitender Humor ist ein Privileg von Männern. Bei Christian Ulmen zeigt sich nun, dass er es damit auch ernst meinte.

Der Schauspieler und Entertainer Ulmen fiel wiederholt mit frauenverachtenden Inhalten auf. Trotzdem bremste ihn niemand. Er profitierte von der verbreiteten Annahme, Kunst und Künstler liessen sich trennen. Doch nun wirft ihm seine Ex-Frau Collien Fernandes öffentlich vor, ihre Identität gestohlen und über Jahre gefälschte Pornobilder und -videos von ihr im Internet verbreitet zu haben. In Spanien und in Deutschland laufen mittlerweile strafrechtliche Ermittlungen. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

Frauenverachtende Kunstfiguren
Ulmen provozierte mit Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen – oft in der Rolle einer männlichen Kunstfigur, oft auf Kosten von Frauen. Ein Beispiel ist die Reality-Spielshow «Who wants to fuck my girlfriend?», in der er als Uwe Wöllner auftrat. Darin mussten die Partnerinnen männlicher Kandidaten unter anderem in Cafés oder im Bordell fremde Männer anflirten. Je erfolgreicher sie waren, desto mehr Punkte erhielt ihr Partner. Der Gewinner bekam am Ende einen Kranz mit der Aufschrift: «Everybody wants to fuck my Girlfriend».

«Kritikerinnen verstehen Satire nicht»
Trotz heftiger Kritik im Vorfeld, strahlte der Privatsender Tele 5 die Show im Jahr 2013 aus. Der damalige «Spiegel»-Journalist Matthias Matussek warf Kritikerinnen in der Talkshow «Markus Lanz» vor, sie hätten den satirischen Ansatz nicht begriffen. Ulmen nehme die Männer aufs Korn, die auf die Anmache hereinfallen. Diese Behauptung, Satire nicht zu verstehen, dient bis heute dazu, Kritik an frauenverachtendem Humor abzuwerten.

«Kunst ist guter Indikator für den Mann dahinter»
Die Programmzeitschrift TV Spielfilm» lobte damals Ulmens, «geniale Formate jenseits von Schmerz- und Geschmacksgrenzen». Solche Formen des Humors stammen ursprünglich aus den USA und Grossbritannien, sagte die Kultur-Journalistin und Autorin Rebekka Endler gegenüber dem Onlineportal «20min.ch». Um die Jahrtausendwende seien dort Formate entstanden, die gezielt gesellschaftliche Tabus brachen ­– oft durch Ekel, Scham und vermeintlich verbotene Witze. Dabei beriefen sich Satiriker auf die Trennung von Künstler und Werk, ein Prinzip, das bis heute als Ausrede für frauenverachtende Inhalte dient. Endler: «Künstler hauen hochproblematische, misogyne Inhalte ohne Angst vor Konsequenzen raus, weil das ja alles von der Kunstfreiheit gedeckt sei und Rückschlüsse auf den Mann dahinter vermeintlich nicht zulässig seien. Doch wie so oft stellen wir fest, dass die ‹Kunst› dann doch ein sehr guter Indikator für den Mann dahinter ist.»

«Privileg von Männern»
Christian Ulmen ist kein Einzelfall. Auch Entertainer wie Oliver Pocher, Stefan Raab, Jan Böhmermann, Dieter Bohlen und andere fallen bis heute mit frauenverachtenden Sprüchen auf – ohne ernsthafte Konsequenzen. Endler sagt, die «Seilschaften unter Medien-Männern» protegierten jene, die Grenzen überschreiten. Diese Form des Humors sei ein Privileg von Männern. «Sie werden geschützt, da der Wert ihres künstlerischen Outputs höher angesiedelt wird als der durch sie und ihr Verhalten verursachte Schaden.» Diese Dynamik, so Endler, wurzle in den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft.

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