Epstein-Opfer warten seit dreissig Jahren auf Gerechtigkeit
Die ersten Anzeigen wegen Vergewaltigung gegen Jeffrey Epstein erstatteten Frauen vor über dreissig Jahren. Doch die Behörden leiteten keine Ermittlungen ein. Auch weitere Anzeigen blieben folgenlos. Erst als 2005 die Eltern eines Mädchens in den USA Anzeige gegen Epstein wegen sexueller Gewalt erstatteten, wurden die Behörden tätig. Sie ermittelten weitere mutmassliche Opfer.
Geheime Vereinbarung mit Staatsanwalt
Epstein drohte eine lebenslange Haftstrafe wegen zahlreicher Sexualstraftaten. Doch er handelte mit der Staatsanwaltschaft eine geheime Vereinbarung aus. Der Investmentbanker bekannte sich schuldig, minderjährige Prostituierte an Klienten vermittelt zu haben. Im Gegenzug liess die Staatsanwaltschaft die anderen Anklagen und weitere Ermittlungen fallen, ohne die Opfer zu informieren.
Affront für die Opfer
Dank der Vereinbarung konnte Epstein behaupten, die Mädchen seien keine Opfer, sondern Prostituierte gewesen. Das war ein Affront für die Opfer. Staatsanwalt Alexander Acosta, der die Vereinbarung damals unterzeichnete, wurde in der ersten Regierung von Donald Trump Arbeitsminister. Er verteidigte die Vereinbarung mit Epstein so lange, bis der öffentliche Druck zu gross wurde und er 2019 als Arbeitsminister zurücktreten musste.
Straftaten blieben geheim
Die Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2008 wurde versiegelt. Niemand erfuhr, welche Straftaten die Behörden Epstein zur Last gelegt hatten. Epstein wurde wegen der Vermittlung von minderjährigen Prostituierten zu 18 Monaten Haft verurteilt. Und er musste sich als Sexualstraftäter registrieren lassen. Medien wie CNN und die «New York Times» kritisierten die Strafe und die Haftbedingungen damals als viel zu mild. Epstein durfte täglich zwölf Stunden in sein Büro in der Innenstadt von West Palm Beach gehen. Bereits nach 13 Monaten wurde er wegen guter Führung aus der Haft entlassen.
Die Party ging weiter
Selbst als nach dem Urteil von 2008 mehr als dreissig weitere Vergewaltigungsopfer Anzeige erstatteten und ein zweiter Prozess unvermeidbar wurde, nahmen weiterhin hochrangige Politiker, Tech-Milliardäre, Top-Banker, Stars aus dem Showbusiness und Intellektuelle an Epsteins Partys teil. Einige liessen sich dort mit halbnackten Mädchen und Frauen fotografieren. In E-Mails relativierten sie die Vergewaltigungen und machten sich sogar darüber lustig. Ihre Opfer bezeichneten sie verächtlich als «Bitches» und «Cunts» (Luder und Fotzen). Die reichen und mächtigen Männer hielten sich offensichtlich für unantastbar. Das lag wohl auch an den schleppenden Ermittlungen und dem Wohlwollen der US-Strafverfolgungsbehörden gegenüber Epstein. Erst 2019 wurde er angeklagt, einen Ring zur sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen unterhalten zu haben.
Frauen glaubten die Behörden nicht
Reiche und Mächtige vergewaltigten Mädchen und Frauen. Klagen von Betroffenen glaubten die Behörden jahrzehntelang nicht oder wischten sie beiseite. Glaubwürdiger als die Aussagen marginalisierter Frauen und Mädchen sind offensichtlich die E-Mails eines toten Mannes, wie die empörten Reaktionen nach der Veröffentlichung von Epstein-Akten zeigten. Diese Frauenverachtung geht mit der Veröffentlichung der Epstein-Akten weiter. In den Akten sind unzensierte Nacktfotos von Opfern mit deren Klarnamen und Adressen. Einige berichteten bereits von Morddrohungen, die sie nun erhalten haben. Die Namen ihrer prominenten Vergewaltiger wurden hingegen geschwärzt.
Juristische Folgen hatten ihre Taten bis heute nicht. Verurteilt wurden einzig Jeffrey Epstein und seine Gehilfin Ghislaine Maxwell. Die vielen Opfer warten noch immer auf Gerechtigkeit.

