«Minderjährige Frauen» gibt es nicht
Bei den Partys des Investmentbankers Jeffrey Epstein vergewaltigten Männer Frauen und Mädchen. Doch statt von Kindern und Vergewaltigung ist in vielen Berichten über die Epstein-Akten nun von «minderjährigen Frauen» oder von «Frauen» die Rede, mit denen Prominente «Sex» hatten.
Kinder sprachlich unsichtbar
Der Begriff «minderjährige Frauen» ist sprachlich ein Oxymoron, also ein Widerspruch in sich. Entweder sind die Epstein-Opfer minderjährig und damit Kinder oder volljährig und damit Frauen. Die Journalistin Melina Borčak kritisierte auf Instagram namentlich Peter Burghardt, US-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung». Er bezeichnete Epstein-Opfer als «meist junge bis minderjährige Frauen». Von Kindern ist nicht die Rede. Borčak kommentierte: «Würde man es nicht besser wissen, würde man die Kinderschändung gar nicht erkennen.»
«Minderjährige Männer» gibt es nicht
Wie unpassend der Begriff «minderjährige Frauen» ist, zeigt der Vergleich mit dem Pendant «minderjährige Männer». Niemand spricht bei Missbrauchsfällen im kirchlichen Umfeld von «minderjährigen Männern». Es ist von Jungen, Knaben oder Minderjährigen die Rede – also von Kindern.
Alltägliche Geringschätzung
Wenn Mädchen Opfer werden, macht man sie sprachlich zu «Frauen» und verharmlost damit Gewalt gegen Kinder. Und wenn man erwachsene Frauen klein halten will, nennt man sie «Mädchen». Beides entspringt der alltäglichen Geringschätzung von Frauen und Mädchen und fällt gerade deshalb kaum auf. Userin «Joy» kommentierte auf Instagram: «Um uns Frauen nicht ernst zu nehmen, nennt Mann uns gerne Mädchen bis ins hohe Alter. Aber wenn Mädchen vergewaltigt werden, sind wir plötzlich minderjährige Frauen.»
Mutige Frau anonymisiert
In ihrem Post machte Borčak auf eine weitere sprachliche Methode aufmerksam, mit der Opfer herabgewürdigt werden. In seinem Artikel verschwieg US-Korrespondent Burghardt den Namen einer mutigen Frau. Er schrieb, dass US-Präsident Donald Trump «in einem anderen Fall 2023 wegen sexuellen Missbrauchs einer Frau schuldig gesprochen wurde». Die Frau heisst E. Jean Carroll. Sie ging in die Öffentlichkeit und zeigte Trump an. Doch Burghardt nannte ihren Namen nicht und würdigte damit ihren Mut nicht, Trump anzuzeigen. Es ist schwer vorstellbar, dass Burghardt einen erfolgreichen männlichen Kläger anonymisiert hätte.

