Der Fokus auf Frauen steigert die Geburtenrate nicht
Für die weltweit sinkenden Geburtenraten machen Regierungen meist Frauen verantwortlich. Ihre Massnahmen betreffen deshalb Frauen. Mit Geld und Appellen sollen sie zum Gebären gebracht werden. Autokratien wie China, die USA, Russland und die Türkei schränken mehr oder weniger offen die Selbstbestimmungsrechte von Frauen über ihren Körper ein, um die Geburtenrate zu erhöhen. Sie verbieten beispielsweise den Sexualkundeunterricht und erschweren den Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen. Anstatt Geschlechtergerechtigkeit zu fördern, propagieren sie das alte Frauenbild als Mutter und Hausfrau.
Finanzielle Anreize sind ein Flop
In Demokratien sollen Appelle und finanzielle Anreize Frauen zum Gebären motivieren. Doch diese fallen nicht auf fruchtbaren Boden, wie das Beispiel Südkorea zeigt. Das Land mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate hat in den letzten 15 Jahren über 120 Milliarden Franken ausgegeben, um diese zu erhöhen. Unter anderem zahlt der Staat Geburtsprämien und monatliche Zahlungen bis das Kind acht Jahre alt ist. Allerdings ohne signifikanten Erfolg, wie die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete. In Südkorea sind die Geschlechternormen so starr und die Arbeitsteilung so ungleich, dass Frauen begonnen haben, Ehe und Familiengründung grundsätzlich abzulehnen.
Fokus auf die Männer richten
Das Beispiel Südkorea zeigt: Wer die Zahl der Kinder pro Frau steigern will, sollte den Fokus auf die Männer richten. Dies ist auch die Schlussfolgerung der neuesten Arbeit von Claudia Goldin, US-Ökonomin und Nobelpreisträgerin. Demnach ist das mangelnde Engagement der Männer der Hauptgrund für den Geburtenrückgang. Frauen sind heute besser ausgebildet als Männer, beruflich ambitioniert und ökonomisch so unabhängig wie nie zuvor. Doch gesellschaftliche Strukturen, Arbeitsmärkte und Rollenerwartungen hinken dieser Realität hinterher. Da Männer von diesen Strukturen profitieren, ändern sie ihr Verhalten nur sehr langsam.
Diskrepanz zwischen Lebensentwürfen
Beruflich ambitionierte Frauen, deren Partner sich nicht für eine Familie engagieren wollen, zögern deshalb die Familiengründung hinaus oder bekommen gar keine Kinder. Laut Goldin ist diese Diskrepanz zwischen den Lebensentwürfen von Frauen und Männern der Grund für den Rückgang der Geburtenraten («Grand Gender Convergence Gap»). Frauen entscheiden sich also nicht gegen Kinder, sondern gegen Strukturen, die ihre Lebensentwürfe nicht berücksichtigen. Die sinkenden Geburtenraten sind demnach kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem.

