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Ohne Kopftuch in Teheran unterwegs: Wegen dieses Fotos (rechts) wurde Royal Heshmati ausgepeitscht. © RH

Trotz Folter: Iranerin trägt weiter kein Kopftuch

fs /  Eine junge Iranierin musste 74 Peitschenhiebe erdulden, weil sie kein Kopftuch trug. Sie beschreibt eindrücklich, dass die Folter ihren Willen nicht brechen konnte.

Roya Heshmati wurde letzten Herbst zu einem Jahr Haft auf Bewährung und 74 Peitschenhieben verurteilt, weil sie auf einer Strasse in Teheran kein Kopftuch trug. Die Körperstrafe wurde Anfang dieses Jahres vollzogen. In einem Facebook-Post schreibt die 33-jährige Kurdin, dass sie trotz der Peitschenhiebe nicht geschrien und sich die Schmerzen nicht habe anmerken lassen.

«Ich blieb standhaft»
Der Facebook-Post ist nicht mehr öffentlich einsehbar. Die in Norwegen ansässige kurdische Menschenrechtsorganisation «Hengaw» hat ihn übersetzt und damit weiter zugänglich gemacht. Heshmati schildert darin, wie sie sich dem frauenfeindlichen Machtapparat vor Gericht und beim Vollzug der Folterstrafe widersetzte. Ihr Anwalt habe vor der Vollstreckung der Strafe geraten, das Kopftuch anzuziehen. Doch das habe sie abgelehnt, schreibt Heshmati. «Ein Beamter sagte, dass ich das Kopftuch anziehen soll, um Ärger zu vermeiden. Ruhig und respektvoll sagte ich, dass ich wegen der Peitschenhiebe gekommen bin und das Kopftuch nicht anziehen werde. Der für die Vollstreckung zuständige Beamte wurde gerufen und wies mich an, das Kopftuch anzuziehen und ihm zu folgen. Mit Nachdruck sagte ich, dass ich das Kopftuch nicht anziehen werde. Er drohte mir, mich schwer zu peitschen. Und für meinen Widerstand müsse ich mit weiteren 74 Peitschenhieben rechnen. Ich blieb standhaft und zog mein Kopftuch nicht an.»

«Mittelalterliche Folterkammer»
Heshmati legte auch auf wiederholte Aufforderungen des Vollstreckungsbeamten ihr Kopftuch nicht an. «Zwei im Tschador gekleidete Beamtinnen kamen und zogen mir ein Kopftuch über den Kopf. Ich entfernte es mehrmals und sie zogen es mir wieder an. Schliesslich legten sie mir hinter meinem Rücken Handschellen an und zogen das Kopftuch über meinen Kopf.» Heshmati wurde in einen fensterlosen Raum geführt. «Im Zimmer stand ein Eisenbett. An beiden Seiten des Bettes waren eiserne Handschellen, Fussfesseln und Eisenbänder angeschweisst. In der Mitte des Raumes stand eine Eisenkonstruktion, die einer grossen Staffelei ähnelte. An ihr waren ebenfalls Handschellen und ein rostiges Eisenband befestigt. Hinter der Türe standen ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einer Auswahl von Peitschen. Der Raum glich einer voll ausgestatteten mittelalterlicher Folterkammer.»

Der für die Vollstreckung verantwortliche Mann habe sie angewiesen, den Mantel auszuziehen und sich auf das Eisenbett zu legen, schreibt Heshmati. «Ich hängte meinen Mantel und mein Kopftuch an die Eisenkonstruktion. Er forderte mich auf: ‚Ziehen Sie das Kopftuch an!‘ Ich antwortete entschieden, dass ich dies nicht tun werde.» Eine der Beamtinnen im Tschador habe ihr das Kopftuch schliesslich mit Gewalt über den Kopf gezogen. 

«Ich liess mir meine Schmerzen nicht anmerken»
Der Vollzugsbeamte habe eine schwarze Lederpeitsche aus der Sammlung hinter der Tür geholt. Heshmati: «Der Mann begann, meine Schultern, meinen Rücken, mein Gesäss und meine Waden zu schlagen. Ich konnte die Schläge nicht mehr zählen und summte leise: ‘Im Namen der Frau, im Namen des Lebens, die Kleider der Sklaverei sind zerrissen, die schwarze Nacht unserer Gefangenschaft wird zum Morgengrauen, alle frischen Wunden werden geheilt und alle Peitschen zerstört.’ Ich liess mir meine Schmerzen nicht anmerken. Nach dem Ende des Martyriums gingen wir wieder zum Richter. Ich zog mein Kopftuch aus. Eine Beamtin im Tschador forderte mich auf, es wieder anzuziehen, was ich ablehnte. Im Richterzimmer hat sie mir das Kopftuch noch einmal über den Kopf gezogen.» Der Richter habe ihr gesagt, er sei mit der Situation unzufrieden, müsse aber das Gesetz vollziehen. Er habe ihr geraten, ins Ausland zu gehen, was sie ablehnte. Heshmati: «Ich sagte, er müsse seine Aufgabe erfüllen und wir unseren Widerstand fortsetzen. Wir verliessen den Raum und ich nahm das Kopftuch ab.»

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