«Auch Frauen sind nur Menschen»

Barbara Marti ©

Barbara Marti /  Geschlechterklischees und Reizworte wie «Gender-Gaga» reichten in der österlichen Nachrichtenflaute für Schlagzeilen.

In der «NZZ am Sonntag» jammerte Chefredaktor Jonas Projer, dass in «Frauendiskussionen» das Geschlecht eines Mannes zum Stigma werde, «das seinen Motiven ebenso anhaftet wie seiner Kompetenz». Wer sich beklagt, gelte als fragil. Wer sich wehrt, als dominant. «Verständlich, dass viele Männer lieber verstummen und sich vom «Gender-Gaga» abmelden. Eingeschüchtert überlassen sie eine der zentralen gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit den Frauen.» Projer meinte, ein Kommentar zu Frauenthemen sei für ihn viel risikoreicher als ein Kommentar zu klassischen Männterthemen wie beispielsweise dem Kollaps der Credit Suisse, bei dem ihm sein Geschlecht «nicht zum Nachteil gereiche».

Narzisstische Männer und empathische Frauen
In der «Sonntagszeitung» bemühte sich der Autor Tobias Haberl zwei Seiten lang, Geschlechterklischees zu entsorgen. Der Autor des Buchs «Der gekränkte Mann» hält es für Unfug zu meinen, Frauen seien die besseren Menschen und damit auch die besseren Führungspersonen. 
Doch frei von Klischees ist auch er nicht: «In den nächsten Jahren werden immer mehr Frauen Gelegenheit haben, Männern vorzumachen, wie das funktioniert, verantwortungsbewusst mit Macht umzugehen, einen Staat oder ein Unternehmen nicht narzisstisch, sondern empathisch, effizient, nachhaltig zu lenken.» Weshalb er Männern empathisches, effizientes und nachhaltiges Handeln offensichtlich nicht zutraut, sagt er nicht. 
Haberl fände es «wunderbar», wenn Frauen nicht so werden wie Männer jahrhundertelang waren, aber man sollte sich nicht darauf verlassen: «Auch Frauen sind nur Menschen.» 

Geschlecht bremst Frauen
Die Botschaft ist klar: Frauen und Männer sind Menschen und man sollte sie aufgrund ihrer Persönlichkeiten und nicht aufgrund ihres Geschlechts beurteilen. Diesen Rat könnte sich Jonas Projer hinter die Ohren schreiben und in seinem Text das Wort «Frau» durch «Mann» ersetzen. Er käme der Wirklichkeit damit näher: «In Männerdiskussionen wird das Geschlecht einer Frau zum Stigma, das ihre Motivation und Kompetenz beeinträchtigt. Wer sich beklagt, gilt als fragil. Wer sich wehrt, als dominant. Verständlicherweise verstummen deshalb viele und melden sich von Männerdiskussionen ab. Eingeschüchtert überlassen sie zentrale gesellschaftliche Debatten unserer Zeit den Männern.»

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581