Selbstbestimmung als Waffe gegen Frauenrechte
In der Schweiz gibt es bisher kein Kopftuchverbot für Schülerinnen. In diesem Sommer haben die kantonalen Parlamente von Zürich und Aargau jedoch Vorstösse für ein Kopftuchverbot auch für Schülerinnen gutgeheissen.
SP änderte Meinung
Besonders interessant ist die Haltung der SP: In einem Positionspapier aus dem Jahr 2010 hatte sie noch festgehalten, dass eine Kopftuchpflicht frauenfeindlich sei und den schweizerischen Wertvorstellungen nicht entspreche. Beim Erfüllen öffentlicher Aufgaben brauche es ein Verbot, insbesondere für Lehrerinnen.
Heute argumentiert sie mit dem Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Musliminnen, um ein Verbot für Lehrerinnen abzulehnen. Ein solches sei antimuslimischer Rassismus. Während 2010 der Schutz aller Frauen vor patriarchaler Fremdbestimmung im Vordergrund stand, ist es heute die individuelle Selbstbestimmung einzelner Musliminnen. Damit werden patriarchale Strukturen, die der Feminismus beseitigen will, zweitrangig.
Prostitution, Leihmutterschaft, Geschlechterrollen
Selbstbestimmung ist das Ziel emanzipatorischer Bewegungen wie der Frauenbewegung. Doch das Argument der Selbstbestimmung wird auch gegen hart erkämpfte Frauenrechte missbraucht. Das ist nicht nur beim Kopftuch der Fall.
- Prostitution: Befürworter einer vollständigen Legalisierung argumentieren, dass eine Frau selber entscheiden können müsse, ihren Körper gegen Geld zur Verfügung zu stellen.
Gegnerinnen einer Legalisierung entgegnen, dass eine freie Entscheidung erst möglich sei, wenn Frauen in allen Bereichen gleichgestellt sind. Dies sei jedoch nicht der Fall, solange Frauen weniger verdienen, den Grossteil der unbezahlten Arbeit erledigen und deshalb häufiger verarmen. - Leihmutterschaft: Befürworter einer Legalisierung argumentieren ähnlich wie die Befürworter der Legalisierung der Prostitution. Eine Frau könne selber entscheiden, was sie mit ihrem Körper macht.
Gegnerinnen einer Legalisierung argumentieren, dass Frauen nicht selbstbestimmt entscheiden können, solange sie unter Armut, Zwang und Ausbeutung leiden. Ein selbstbestimmter Entschluss sei erst möglich, wenn Frauen vollständig gleichberechtigt und finanziell unabhängig sind. - Geschlechterrollen: Befürworter traditioneller Rollenverteilung argumentieren, dass Frauen selbstbestimmt entscheiden können, Vollzeit unbezahlt als Hausfrau zu arbeiten.
Gegnerinnen argumentieren, dass das Argument der Selbstbestimmung im Bereich der unbezahlten Care-Arbeit dazu dient, die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen zu bekämpfen. Damit würden strukturelle Probleme wie der Mangel an Betreuungsplätzen, die Lohnungleichheit und die drohende Altersarmut von Frauen verdrängt. - Trans: Befürworter des Rechts auf Selbstbestimmung des Geschlechts argumentieren, dass es mehr Geschlechter gebe als die zwei biologischen Geschlechter.
Gegnerinnen des Rechts auf Selbstbestimmung des Geschlechts argumentieren, dass ein solches Recht frauenpolitische Rückschritte legitimiert und hart erkämpfte Rechte biologischer Frauen schwächt. Besonders offensichtlich werde dies beim Zugang von biologischen Männern zu Frauenräumen wie Frauenhäusern, Frauengefängnissen und zum Frauensport. Das Recht auf Selbstbestimmung des Geschlechts gefährde damit nicht nur die Rechte von Frauen, sondern auch ihre Sicherheit.

