Finanzielle Not treibt Frauen in die Leihmutter-Industrie, wie eine Reportage aus Georgien zeigt. © Av

Leihmutter: «Ich bin froh, diesen Horror überlebt zu haben»

fs /  Leihmütter tragen Kinder für Paare aus aller Welt aus. Ihre Schicksale offenbaren die Schattenseiten dieser Milliardenindustrie.

In Georgien sind kürzlich die beiden Betreiber der Leihmutterschaftsagentur «Kinderly» wegen Betrugs und Unterschlagung zu jeweils 10 Jahren Haft verurteilt worden. Sie hatten Wohnungsmieten und Leihmütter nicht bezahlt. 

Untätige Behörden
Ein solches Urteil ist selten. Den Fall aufgedeckt hatten Medien. In Tiflis gibt es Dutzende Agenturen wie «Kinderly». Seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine hat sich ein Teil des Leihmutterschafts-Marktes nach Georgien verschoben. Die georgischen Behörden kontrollieren ihn kaum. Entsprechend schutzlos sind die Leihmütter, wie die Reportage von Helena Graf, Reporterin der Schweizer Boulevard-Zeitung «Blick» zeigt (Bezahlschranke). Sie konnte in einer Geburtsklinik in Tiflis mit Leihmüttern sprechen. Diese kamen aus früheren Sowjetrepubliken wie Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Ukraine nach Georgien, um Kinder gegen Bezahlung für Auftragseltern zu gebären.

«Transnationaler Menschenhandel»
Die Russin Anna Sentseva trug im Auftrag der Agentur «Kinderly» für ein chinesisches Paar Zwillinge aus. Sie hat bereits fünf Kinder. Ihr Ex-Mann verfolgt und bedroht sie. Die 39-Jährige braucht Geld, um von ihm unabhängig zu werden. Die Agentur sollte ihr nach der Geburt der Zwillinge 18’000 Dollar (14’590 Franken) zahlen. Doch zwei Wochen später meldete «Kinderly» Konkurs an. Sentseva sah bis heute nichts von dem Geld und wurde auch aus der Wohnung in Tiflis geschmissen. «Kinderley» hatte die Miete nicht bezahlt. Die Mittellose hauste schliesslich in einem leerstehenden und entsprechend verwahrlosten Hostel. Über Facebook fand sie Hilfe. Zwei Monate später konnte sie nach Russland zurückkehren. «Ich bin einfach froh, diesen Horror überlebt zu haben», sagte sie im Video-Call zur «Blick»-Reporterin.
Menschenrechtsanwältin Nino Andriashvili sprach von transnationalem Menschenhandel. «Kinderley» habe vulnerable Frauen mit falschen Versprechen nach Georgien geholt, ihre Körper ausgebeutet und sie mittellos zurückgelassen.

Nach der Geburt erhielt die Leihmutter kein Geld
Geschädigten wie Anna Sentseva hilft das Urteil gegen «Kinderley» wenig. Das vereinbarte Geld für die Leihmutterschaft hat sie nie erhalten. Mittlerweile arbeitet sie Schicht in Russland. Auch Leihmutter Anastasia hat im Auftrag von «Kinderley» ein Kind geboren und das vereinbarte Geld nie erhalten. Die finanzielle Not hatte sie danach zurück in die Leihmutter-Industrie getrieben. Im Auftrag einer anderen Agentur wurde sie wieder schwanger. Doch das Baby kam tot zur Welt, weil die Nabelschnur um den Hals lag. Laut dem Arzt war Anastasia nicht schuld am Tod des Babys. Doch die neue Agentur behauptete ohne Beweise, sie habe verbotene Medikamente genommen. Wieder erhielt Anastasia nach einer Schwangerschaft kein Geld.

Nach der Fehlgeburt erhielt die Leihmutter kein Geld
Auch Leihmutter Aisha wurde von ihrer Agentur im Stich gelassen. Nach einer Fehlgeburt erhielt sie weder Geld noch Essen. Aisha: «Für sie war ich nur eine Maschine, die nicht richtig funktioniert.» Frauenärztin EkaTedozashvili half ihr nach der Fehlgeburt. Sie sagt, dass eine Leihmutter ein zehnmal höheres Risiko auf eine Fehlgeburt hat als eine normale Schwangere. Bei Zwillingen sei das Risiko noch höher. 

«Wir kamen alle aus der Not hierher»
Aisha sagte zur «Blick»-Reporterin: «Wir kamen alle aus der Not hierher.» Sie wartete auf den nächsten Embryotransfer. Damit sie Geld nach Hause schicken konnte, arbeitete die 28-Jährige in einem Supermarkt, der rund um die Uhr geöffnet ist. Gleichzeitig musste sie Hormone schlucken, um den Körper auf den Embryotransfer vorzubereiten. Sie konnte deshalb oft nicht schlafen. «Die Hormone verändern alles.»
Auch die damals hochschwangere Armenierin Kats­vik sagte zum «Blick»: «Ich bin wegen des Gel­des hier.» Die 40-Jährige ist geschieden, hat einen minderjährigen Sohn und ist verschuldet. Sie erwartete Zwillinge. Nach deren Geburt sollte sie 16’000 Dollar (13’000 Franken/Euro) bekommen. 

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