Amanda Stanhope (links) und Zoe Watts wurden von ihren Partnern bewusstlos missbraucht. Sie lernten sich zufällig kennen und können wieder lachen. © Stanhop/Watts

Sedierte Frau: «Schlaf existiert für mich nicht mehr»

fs /  Übergriffe in bewusstlosem Zustand haben gravierende Folgen. Das zeigen Aussagen zweier Betroffener.

Männer sedieren Frauen heimlich, vergewaltigen sie, filmen ihre Taten und veröffentlichen die Videos im Internet. In Chatgruppen tauschen sie sich mit anderen Männern darüber aus. Der bisher grösste bekannte Fall ist der von Gisèle Pelicot, die von ihrem Ex-Mann jahrelang bewusstlos mehr als 50 Männern zum Sex angeboten und dabei gefilmt wurde. Seither kommen immer mehr Fälle an die Öffentlichkeit. Zuletzt beschuldigten in der Schweiz eine Mutter und ihre Tochter einen Politiker, sie jahrelang sediert, missbraucht und dabei gefilmt zu haben. 

«Du verstehst nicht, was du hörst»
Im «Guardian» schilderten zwei Betroffene, welche konkreten Folgen dies hat. Für die beiden Britinnen war es eine grosse Erleichterung, als Gisèle Pelicot vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit ging. Sie zeigte damit anderen Betroffenen, dass sie dasselbe durchgemacht hatte. 
Zoe Watts erfuhr 2018 nach 14 Jahren Ehe von ihrem Mann, dass er sie jahrelang sediert und in bewusstlosem Zustand vergewaltigt hatte. Erst nach sechs Monaten zeigte sie ihn an. «Du verstehst nicht, was du hörst, denn bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt», sagte Watts. «Ich hatte meinen Töchtern gesagt, wie sie nachts sicher nach Hause kommen. Aber ich habe ihnen nicht gesagt, dass die Person, in die sie sich verlieben, sie unter Drogen setzen und vergewaltigen könnte.» 

«Das Bett ist kein sicherer Ort mehr»
Die Vergewaltigung in bewusstlosem Zustand habe ihre gesamte Realität verändert. «Es ist eine Atombombe innerhalb der Familie. Man hinterfragt jedes Gespräch, jede Interaktion. Die Person, die ich heiratete und mit der ich die nächsten 60 Jahre verbringen wollte, ist nicht mehr dieselbe. Das Bett, das ich für einen sicheren Ort hielt, ist es nicht – war es noch nie.» Sie habe ihr Sicherheitsgefühl verloren. «Schlaf existiert für mich nicht mehr.» Sie traut sich nicht mehr, Entscheidungen zu fällen, weil sie in der Vergangenheit so oft falsch lag.

Der Austausch im Netz normalisiert Verbrechen
Watts und die konsultierten Ärzte hatten Beschwerden wie wiederholte Blasenentzündungen, Migräne, Müdigkeit, Übelkeit und Verwirrung nicht auf die Vergewaltigungen zurückgeführt. Obwohl ihr Ex-Mann Ärzten und Nichtmedizinern sogar erzählt hatte, dass er Sex mit ihr hatte, als sie schlief. Allerdings habe ihr Ex-Mann nie erwähnt, dass er sie zuvor betäubt hatte. «Er formulierte es so, dass niemand es als Verbrechen betrachtete. Es gibt definitiv den Glauben, dass es nicht wirklich wichtig ist, ob man beim Sex geschlafen hat. Wenn man nicht nein gesagt oder sich gewehrt hat, wird es nicht als Vergewaltigung wahrgenommen.» Selbst als ihr Ex-Mann schliesslich zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, haben Menschen in ihrem Umfeld ihr die Schuld dafür gegeben. Was früher eine individuelle Fantasie gewesen sei, könne durch den Austausch mit anderen Männern im Internet normalisiert und fast akzeptabel gemacht werden, sagte Watts.

«Niemand fragte nach der Situation zu Hause»
Amanda Stanhope hatte mehrfach den Verdacht, dass ihr Partner sie in bewusstlosem Zustand vergewaltigt hatte. Doch wenn sie ihn zur Rede stellte, antwortete er stets: «Erinnerst du dich nicht mehr?» Meist habe Ihr Partner dafür gesorgt, dass sie schon früher am Abend Sex hatten. «Wenn man dann aufwacht und weiss, dass man Sex hatte, denkt man, dass es das war.» Als sie Hilfe suchte, wurden ihr Antidepressiva, Schlaftabletten und Betablocker verschrieben. Schliesslich meinte sie, dass sie an Alzheimer erkrankt sei. Niemand hat sie nach der Situation zu Hause gefragt. Stattdessen habe man ihr immer mehr Medikamente verschrieben. Sie wurde zunehmend verwirrt und versuchte schliesslich, sich das Leben zu nehmen. Ihr Partner rief den Krankenwagen. Bis dieser kam, vergewaltigte er die Bewusstlose erneut. Allerdings kam sie dabei kurz zu Bewusstsein und realisierte, was er tat.

«Am meisten geholfen haben mir andere Betroffene»
Stanhope beendete die Beziehung und zeigte den Partner später an. Er nahm sich daraufhin das Leben. Heute braucht Stanhope immer noch Schlaftabletten, um schlafen zu können. Alle anderen Medikamente konnte sie nach dem Ende der Beziehung und damit des Missbrauchs absetzen. Bis vor kurzem war es ihr peinlich, über die Vergewaltigungen zu sprechen. «Ich habe ein Jahr gebraucht, um überhaupt das Wort ‘Vergewaltigung‘ sagen zu können.» Sie hatte Albträume, Flashbacks und viele Therapien. Am meisten geholfen habe ihr der Kontakt zu anderen Betroffenen. Das habe es ihr ermöglicht, das Verbrechen als solches zu erkennen. 

«Es ist ein stilles Verbrechen»
Watts und Stanhope lernten sich in diesem Jahr im Rahmen einer CNN-Recherche zu Chatgruppen von Vergewaltigern kennen. Für beide hat die Begegnung das Leben verändert. Sie können nun Erfahrungen austauschen und Muster eines Verbrechens erkennen, das Betroffene wegen ihrer Bewusstseinslücken oft nicht als solches wahrnehmen, sagte Watts. «Man kann sich nicht in einer Gruppe mit anderen Frauen austauschen, die eine posttraumatische Belastungsstörung haben, weil man selbst keine Erinnerungen hat. Es gibt keine speziellen Einrichtungen oder Unterstützungsangebote. Es ist ein stilles Verbrechen.»

«Sleep Content»
Sogenannter «Sleep Content» ist laut dem «Guardian» nicht in den dunklen Ecken des Internets versteckt. Mit Suchbegriffen wie «ohnmächtig», «unter Drogen gesetzt» und «vergewaltigt» finde man Zehntausende einschlägige Videos, Bilder und Tutorials. 
Vor ein paar Monaten haben neun Länder und Europol das Projekt Medusa lanciert, um gegen einschlägige Netzwerke im Internet vorzugehen. Bis Ende Juli konnten bereits über 150 Täter und Opfer identifiziert werden. In der Schweiz fordert eine Petition Regierung und Parlament dazu auf, sich ebenfalls aktiv an Medusa zu beteiligen.

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