Teaser auf der Webseite der Boulevard-Zeitung «Blick»: Frommer Jubel mit überkreuzten Zeigefingern von Johan Manzambi und Rubén Vargas – Gratiswerbung für die Evangelikalen. © Ringier

Fussballstars folgen frauenfeindlichen Frommen

fs /  Die Gebete und frommen Jubelgesten von Fussballern sind auch eine Demonstration gegen Gleichberechtigung. Die Fifa toleriert dies.

Der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha sorgte an der Fussball-Weltmeisterschaft für Aufsehen, als er nach einem Spiel gemeinsam mit Mitspielern und Gegnern im Mittelkreis betete. Wie Nmecha im Interview mit Sky News sagte, war das angeblich spontane Glaubensbekenntnis geplant. Der 25-Jährige fiel auch durch auffällige Jubelgesten auf. So kniete er beispielsweise nieder und legte eine imaginäre Krone auf den Rasen. Die Geste «The King’s Return» symbolisiert Jesus Christus als König. Zu den christlichen Jubelgesten gehören auch das Überkreuzen der Zeigefinger zu einem Kreuz und das Strecken beider Zeigefinger zum Himmel.

«Ballers in God»
Nmecha gehört dem Netzwerk «Ballers in God» an und dem kleineren deutschen Ableger «Fussball mit Vision». Gründer der «Ballers in God» ist der frühere britische Fussballprofi John Bostock. Dieser pflegt laut der Online-Zeitung «Belltower.News» enge Kontakte zu reaktionären evangelikalen Kreisen im englischsprachigen Raum. Evangelikale interpretieren die Bibel wörtlich und vertreten in gesellschaftlichen Fragen sehr konservative Werte. Sie propagieren traditionelle Rollenbilder und lehnen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper sowie die Homosexualität ab. 

Frauen als «Rohmaterial»
Es gibt Hinweise darauf, dass Nmecha solche Ansichten teilt. So hat er schon homofeindliche Posts geliked. An der Klub-WM in den USA im letzten Jahr veröffentlichte er zudem ein Video, in dem das Buch «Understanding the Purpose and Power of Women» des frauenfeindlichen Predigers Myles Munroe zu sehen ist. Dieser bezeichnete Frauen als «Rohmaterial», das Männer nach ihrem Gutdünken «formen» können. 

Die frommen Gesten von Vargas und Manzambi
Die «Ballers in God» erklären in den Social Media, wie man Mitspieler missioniert. Ein Beispiel ist der Schweizer Nationalspieler Rubén Vargas. Als er mit 20 Jahren von Luzern nach Augsburg wechselte, wurde er dort von Mitspieler Felix Uduokhai missioniert, wie der 27-Jährige in einem Interview erzählte. Durch seinen Glauben wisse er nun, was «das Richtige» sei. Vargas fällt wie Nmecha mit frommen Jubelgesten auf, ebenso der Schweizer Shootingstar Johan Manzambi. Der heute 20-Jährige wechselte mit 18 Jahren von Genf nach Freiburg im Breisgau. Eine schwierige Situation für einen jungen Mann, der kaum Deutsch sprach. Entsprechend anfällig war er wohl für missionierende Kollegen.

Religiöse benutzen Fussballprofis für ihre Mission
Persönliche Glaubensbekundungen einzelner Spieler gehören seit vielen Jahren zum Fussball. Das mag erklären, weshalb Medien eine öffentlichkeitswirksame Missionskampagne bei der Weltmeisterschaft kaum als solche erkennen und hinterfragen. Doch das Gebet im Mittelkreis und die Jubelgesten gehen über persönliche Glaubensbekundungen einzelner Spieler hinaus. Evangelikale Plattformen nutzten die Bilder dieser frommen Gesten gezielt für ihre Missionsarbeit auf Social Media. Einige solcher Posts erreichten laut «Belltower.News» bereits nach kurzer Zeit mehrere hunderttausend Likes. Auf ihrem Instagram-Account feiern die «Ballers in God» die WM als Durchbruch: «Fussballer starten bei der Weltmeisterschaft eine weltweite Bewegung zur Wiederkunft Jesu beim World Cup.»

Gratiswerbung für Evangelikale
Die meisten traditionellen Medien berichteten unkritisch über die frommen Fussballer. In der Schweiz war beispielsweise auf der Webseite der Boulevard-Zeitung «Blick» tagelang ein Teaser mit dem Jubel von Vargas und Manzambi mit überkreuzten Fingern zu sehen – Gratiswerbung für die Evangelikalen. Erst nachdem der Teaser ersetzt worden war, berichtete der «Blick» über die frommen Fussballstars und ihre Netzwerke. Stellung nehmen wollten dazu weder die betroffenen Spieler noch der Schweizerische Fussballverband.

Fifa misst mit zweierlei Mass
An der letzten Fussball-Weltmeisterschaft in Katar stufte der Fussball-Weltverband Fifa die regenbogenfarbige «One Love»-Armbinde als politisch ein und verbot sie. Nun toleriert die Fifa fundamentalistische Demonstrationen mit frauenfeindlichem Hintergrund. Ob ihre Toleranz auch so gross wäre, wenn muslimische Fussballer im Mittelkreis beten würden, ist eine andere Frage.

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