Diese Frauen hätten Schlagzeilen machen sollen
«Ich bin immer noch hier»
US- Studentin Maddie Kowalski wollte nicht länger schweigen. Ende letzten Jahres machte sie eine Online-Hetzkampagne öffentlich, die das Ziel hatte, ihr Leben zu zerstören. Die Attacke begann damit, dass junge Männer persönliche Daten und intime Aufnahmen von ihr ohne ihre Zustimmung im Netz veröffentlichten. Die Bilder und Videos sind bis heute abrufbar. Sie zeigen die damals 19-Jährige stark alkoholisiert bei sexuellen Handlungen.
Bis heute wird die Studentin in der Öffentlichkeit von Unbekannten darauf angesprochen. Es folgte eine Online-Kampagne gegen sie, die bis zur Aufforderung ging, Suizid zu begehen. Auch ihre Eltern wurden nachts mit Telefonanrufen und SMS terrorisiert.
Kürzlich zeigten Recherchen des Magazins «Wired» (Bezahlschranke), dass die Kampagne gegen Kowalski kein Einzelfall war, sondern ein gezieltes Vorgehen der losen Männergruppe «Burnerverse». Die anonymen Mitglieder der Online-Gruppe tauschen sich eigentlich über College-Sport aus. Einige von ihnen nutzen das Netzwerk jedoch auch, um sich im Schutz der Anonymität gegenseitig anzustacheln, junge Frauen mit intimen Aufnahmen und Informationen fertigzumachen. Sie greifen Gerüchte auf oder streuen selbst welche, leaken private Textnachrichten und veröffentlichen intime Aufnahmen – und sorgen für möglichst grosse Aufmerksamkeit im Netz.
Laut «Wired» gab die Familie von Maddie Kowalski Tausende Dollar für Anwaltskosten und die Entfernung von Bildern aus dem Netz aus. Sie selbst zog sich zeitweise aus dem Studium zurück, litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und bekam gesundheitliche Probleme, bevor sie an die Öffentlichkeit ging. Familienmitglieder hatten ihr davon abgeraten. Sie warnten sie vor weiteren Demütigungen. Doch Kowalski entschied mutig, an die Öffentlichkeit zu gehen: «Die letzten Wochen waren die dunkelsten und härtesten Momente meines Lebens. Aber ich bin immer noch hier, und lerne, darauf wirklich stolz zu sein.»
«Die Revolution der Frauen kann man nicht töten»
Die Architektin Yanar Mohammed engagierte sich ihr Leben lang für Frauenrechte im Irak – und bezahlte dies im Frühjahr mit ihrem Leben. Die 65-Jährige wurde vor ihrer Wohnung von zwei Unbekannten auf Motorrädern erschossen.
Mohammed lebte zehn Jahre in Kanada, bevor sie 2003 nach dem Sturz Saddam Husseins wieder in den Irak zurückkehrte. Insbesondere ihre Mithilfe beim Aufbau von Frauenhäusern war den Mächtigen ein Dorn im Auge. Sie erhielt regelmässig glaubwürdige Morddrohungen. Die irakischen Regierungen versuchten im Laufe der Jahre mehrmals, die Aktivistin mit behördlichen Schikanen und einem Haftbefehl wegen Menschenhandels zum Schweigen zu bringen. Mohammed lebte deshalb zeitweise wieder in Kanada.
Im Jahr 2015 forderte sie in einer Rede vor dem Uno-Sicherheitsrat, dass die internationale Gemeinschaft Frauen und Frauenorganisationen in ihrem Kampf gegen Extremismus unterstützen müsse. Im Dokumentarfilm «I am the Revolution» aus dem Jahr 2018 sagte Yanar Mohammed: «Ich bin so stolz, ‚nur‘ eine Feministin zu sein. Denn welche Revolution ist stärker als die Revolution der Frauen?» Nach der Ermordung von Yanar Mohammed schrieb Regisseurin Benedetta Argentieri im Online-Magazin «Turning Point», dass ihre Arbeit nun von denjenigen Frauen fortgeführt werde, die Mohammed betreut, ausgebildet und inspiriert hat. «Man kann eine Frau töten, aber nicht die Revolution der Frauen.»
«Das haben die afghanischen Frauen geschafft»
Manizha Bakhtari ist afghanische Botschafterin in Wien. Unter prekären finanziellen Bedingungen und Lebensgefahr engagiert sie sich für die Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan. Die Taliban haben sie nach ihrer Machtübernahme vor fünf Jahren abberufen und Zahlungen ans Botschaftspersonal eingestellt. Doch die österreichische Regierung hat ihr die Akkreditierung als Botschafterin bisher nicht entzogen. Bakhtari nutzt ihre Funktion als Diplomatin, um in Europa und bei Uno-Organisationen in Wien auf die miserable Lage der Frauen und Mädchen in Afghanistan aufmerksam zu machen. Sie kritisiert, dass für viele Staaten Afghanistan nur noch im Zusammenhang mit Abschiebungen ein Thema ist, wie Bakthari der «Zeit» sagte.
Die 54-Jährige war Dozentin für Journalismus an der Universität Kabul, Stabschefin im afghanischen Aussenministerium und Botschafterin in Norwegen, bevor sie 2020 nach Wien versetzt wurde. «Jeden Morgen frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Ob ich etwas verändern kann oder mich nur wiederhole. Dann denke ich daran, dass fünf Jahre vergangen sind und die internationale Gemeinschaft die Taliban noch immer nicht anerkannt hat. Das ist doch etwas! Das haben wir, die afghanischen Frauen, geschafft.»
In der Schweiz, Frankreich und Belgien werden die afghanischen Vertretungen wie in Österreich weiterhin von erklärten Taliban-Gegnern geleitet. Deutschland hat als erstes EU-Land Diplomaten der Taliban akkreditiert, wie die ARD berichtete. Als Gegenleistung erleichtern diese Abschiebungen nach Afghanistan. Die Bundesregierung sagt, dass die Akkreditierungen keine Anerkennung des Taliban-Regimes seien. Es handle sich lediglich um eine «technische» Zusammenarbeit. Allerdings mit Mitgliedern einer Terrorgruppe, die Frauen entrechtet hat und von deutschen Soldaten jahrelang bekämpft wurde.
In Norwegen ist ein Taliban-Vertreter seit 2025 sogar offiziell Geschäftsträger und damit Leiter der Botschaft. Für Frauen, die vor den Taliban nach Europa geflüchtet sind, ist die Akkreditierung von Taliban-Diplomaten ein Schlag ins Gesicht.
Iran verhaftet Bloggerin wegen Hijab-freier Trainingsvideos
Im Iran wurden auch 2026 wieder zahlreiche Frauen verhaftet, die sich für Frauenrechte engagieren. Zuletzt traf es im Herbst Frauen aus dem Sport- und Kulturbereich. Unter anderem wurde eine namentlich nicht genannte Fitness-Bloggerin verhaftet, weil sie in den Social Media Fotos und Videos von Frauen ohne Hijab beim Fitnesstrainig auf der Fitex-Sportausstellung in Teheran veröffentlicht hatte. Die Justiz wirft der Bloggerin Propaganda gegen den Staat und Beleidigung der öffentlichen Ordnung vor.
Im Iran müssen Frauen ihre Haare in der Öffentlichkeit bedecken, auch bei sportlichen und kulturellen Veranstaltungen. Der Druck auf die Frauen, das Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen, habe zuletzt wieder zugenommen, berichtet der in London ansässige Nachrichtensender «Iran International». Dies hänge vermutlich mit der Angst der Behörden vor erneuten Protesten zusammen. Die Lebensbedingungen im Iran hätten sich weiter verschlechtert.
Im Sommer hat das iranische Parlament das «Gesetz gegen die Infiltration ausländischer Geheimdienste» verschärft, wie die Frauenrechtsorganisation «Femena» berichtet. Es untersagt Aktivistinnen nun, mit internationalen Organisationen oder ausländischen Medien zu kommunizieren. Dadurch wird die Arbeit von Frauenrechtsaktivistinnen noch mehr erschwert. Wer gegen das Gesetz verstösst, muss mit hohen Haftstrafen rechnen. Durch die Kriminalisierung von Kontakten zu ausländischen Organisationen und Medien wird es noch schwieriger werden, Fälle inhaftierter und verurteilter Frauenrechtsaktivistinnen öffentlich zu machen. Hinzu kommt, dass sich die internationale Aufmerksamkeit von der Repression des Regimes gegen die eigene Bevölkerung auf den Krieg gegen die USA verschoben hat.

