«Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich!»
Seit der Machtübernahme vor fünf Jahren haben die Taliban Frauen aller Freiheitsrechte und ihrer Stimmen beraubt. Was dies konkret für Frauen bedeutet, zeigt ZDF-Kriegsreporterin Katrin Eigendorf in der sehenswerten Reportage «Kabul – die Rückkehr der Taliban».
Ingenieurin darf nicht mehr arbeiten
Eigendorf hat seit vielen Jahren immer wieder aus Afghanistan berichtet. Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban traf sie frühere Kontaktpersonen wie Hassina, die aus Sicherheitsgründen anonym bleibt. Hassina hat ein abgeschlossenes Ingenieurstudium und ein Studium der Verwaltungswissenschaften. Neun Jahre lang war sie in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und war unter anderem für Strassenbau, Trinkwasserversorgung und Frauenfragen zuständig. Seit der Machtübernahme der Taliban darf sie ihren Beruf jedoch nicht mehr ausüben. Weil sie die Hauptverdienerin war, ist der Alltag für sie und ihre Familie seither sehr schwierig. Die internationale Gemeinschaft sei in der Pflicht zu handeln: «Die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan leidet unter politischer, sexueller und diskriminierender Ausbeutung.»
«Ich werde als tapfere Frau sterben»
Frauen, die ihre Stimme erheben und ihre Rechte einfordern, werden laut Hassina inhaftiert oder getötet. «Die Welt schweigt und sieht zu, was wir durchmachen.» Hassina lässt sich nicht einschüchtern und unterrichtet an einer privaten Schule ältere Mädchen, die nach den Gesetzen der Taliban nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Damit bringt sie sich in Lebensgefahr. Sie habe sich mit dem Tod abgefunden und werde als «tapfere Frau» sterben, sagt Hassina. Sie fordert die internationale Gemeinschaft auf, endlich Druck auf die Taliban auszuüben. «Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich! Wir brauchen euch.»
«Ich wollte das Radfahren nicht aufgeben»
Eigendorf traf in den USA frühere Kontaktpersonen, die das Land 2021 verlassen konnten und im Ausland neu anfangen mussten. Diese Frauen sind zwar in Sicherheit, haben dafür aber einen hohen Preis bezahlt. Eine von ihnen ist Rukhsar Habibzai. Die heute 30-Jährige studierte in Kabul Zahnhygiene. Ihre Ausbildungsdokumente befinden sich in Kabul. Seit fünf Jahren weigern sich die Taliban-Behörden ihr die Dokumente zuzustellen. Begründung: Anträge von Frauen mit höherer Ausbildung bearbeiteten sie nicht.
Vor ihrer Flucht war Habibzai Kapitänin des afghanischen Frauenradsportverbandes. Radfahrerinnen wurden damals beschimpft und mit Gegenständen beworfen. Seit der Machtübernahme der Taliban dürfen Frauen nicht mehr Rad fahren. Habibzai wollte jedoch nicht darauf verzichten und entschied sich deshalb zur Flucht. «Ich dachte, zu fliehen ist besser, als getötet zu werden», sagt sie. «Es war eine sehr schwere Entscheidung, meine Lieben, meine Familie und mein Land zu verlassen.» Das Radfahren ist für sie nicht nur ein Sport, sondern ein «Symbol der Freiheit» – und eine Botschaft an all jene, die Frauen das Radfahren verbieten.
«Ich wollte Afghanistan nicht verlassen»
Die Journalistin Hasiba Atakpal arbeitete als Reporterin für Tolo-News, den grössten privaten TV-Sender des Landes. Schon vor der Machtübernahme der Taliban wurde sie wegen ihrer Berichterstattung immer wieder bedroht. Sie habe Afghanistan nicht verlassen wollen, erzählte sie Eigendorf. Doch innerhalb von zehn Tagen habe sich 2021 alles verändert. In Kabul hätten Frauen und Männer einfach ihre Kleidung gegen traditionelle afghanische Kleidung getauscht und seien in ihren Alltag zurückgekehrt. Gegen den Rat des TV-Senders arbeitete Atakpal weiter, bis die Taliban sie per WhatsApp unmissverständlich mit dem Tod bedrohten. Sie entschied sich zur Flucht, weil ihr klar wurde, dass sie in Afghanistan als Frau keine Perspektive mehr hatte. Besonders schwergefallen sei ihr der Abschied von ihrer Mutter, die sie wohl nie mehr in die Arme nehmen könne. In den USA kann Atakpal nicht als Journalistin arbeiten. Mittlerweile ist sie Teilhaberin eines afghanischen Supermarktes in Gainesville (Florida).
«Schlag ins Gesicht der Frauen»
Die EU hat kürzlich die Taliban zu «technischen Gesprächen» über die Rückführung abgelehnter afghanischer Asylbewerber eingeladen. Laut der EU bedeutet dies keine diplomatische Anerkennung des Regimes. Fawzia Koofi, ehemalige Abgeordnete im afghanischen Parlament, kritisierte dies scharf. Sie forderte die EU auf, Geschlechter-Apartheid als Straftatbestand anzuerkennen. Die Verletzung von Frauenrechten dürfe nicht unbestraft bleiben.

